Geistlicher Impuls

Eine himmlische Verbindung

Der 1. Sonntag in diesem Mai heißt Jubilate –freut euch! Wir feiern Jubelsonntag. Auch in diesem Jahr. Wir sollen jubeln, wir sollen uns freuen – über das Gute, das dank Gottes Güte immer noch da ist.
Schöpfung und neues Leben sind die Themen dieses Sonntags. Er erzählt von der guten Schöpfung am Anfang und von der unerhörten Neuschöpfung in Gottes Sohn: Gott hat seinen Sohn nicht im Tod gelassen, er hat ihn auferweckt und damit eine unerhörte Hoffnung in die Welt hineingeknüpft: Nach jedem Ende ist ein neuer Anfang möglich. Alle, die daran glauben, können neu werden, auch hier und heute. So wie der Weinstock seinen Trieben Kraft gibt, so gibt Jesus Christus uns Halt und Lebenskraft und Lebendigkeit. Im Johannesevangelium sagt er uns:

Ich bin der wahre Weinstock. Mein Vater ist der Weinbauer. Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt. Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe. Bleibt mit mir verbunden, dann bleibe auch ich mit euch verbunden. Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen. Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben. So könnt auch ihr keine Frucht tragen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen. Wer nicht mit mir verbunden bleibt, wird weggeworfen wie eine abgeschnittene Rebe und vertrocknet. Das Abgeschnittene sammelt man und wirft es ins Feuer. Wenn ihr mit mir verbunden bleibt und meine Worte in Euch bewahrt, dann gilt: Was immer ihr wollt, darum bittet – und eure Bitte wird erfüllt werden. Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist
(Johannes 15,1-8, Basisbibel)

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Gott ist durch seinen Sohn im Menschsein angekommen. Gott hat ihn eingepflanzt in unsere Welt. Darum hänge ich nicht in der Luft - ich hänge an Jesus Christus. Darum bin ich nicht allein - er ist in mir und um mich. Darum zerren nicht nur die Lasten dieser Erde an mir – ich bin durch ihn auch in die Leichtigkeit des Himmels hineingeknüpft.
Ich bin verbunden – mit ihm. Ich bin eine Rebe an seinem Weinstock. Ich bin ein Gottesgeschöpf. Solange er da ist, kann mir nichts geschehen. Wenn ich bei ihm bleibe, bleibe ich lebendig. Wenn ich mich von ihm löse, verliere ich den Halt. Wenn ich mit ihm verbunden bin, ist mein Tun und Lassen nicht sinnlos und fruchtlos. Er gibt mir die Kraft, zu wachsen, ich darf mich entfalten. Wenn er mich beschneidet und mich meine Grenzen spüren lässt, geschieht das, damit ich reife und stark werde.

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Mit ihm verbunden - sind wir alle. Durch ihn sind wir immer miteinander verknüpft – mehr und anders als wir wissen und spüren. Er ist Lebens- und Kraftquelle für jede und jeden von uns. Er braucht jede Rebe, damit es viele Trauben gibt. Er hat alle im Blick und kümmert sich sorgsam um jede Rebe. Aus allen soll etwas Gutes werden
Mit ihm verbunden - sind wir alle. Er hält uns auch im Streit der Meinungen und trotz unterschiedlicher Interessen zusammen. Er verknüpft unser Handeln. Seine Kraft strömt durch alle seine Reben. Was ich tue, nimmt er, um dich zu stützen, wenn du Halt brauchst. Dein Wort wird durch ihn für mich zum Trost in düsteren Zeiten. Wenn wir bei ihm bleiben. Eine andere kann, was ich nicht kann. Was ich weiß, wirkt sich bei anderen nutzbringend aus. Auch wenn wir es nicht gleich sehen, sind wir segensreich. Er sieht das Ganze. Durch ihn gelangt alles dorthin, wo es gebraucht wird. Wenn wir bei ihm bleiben.

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Er verbindet sich - mit allen Menschen. Der Weinstock braucht seine Reben. Er lebt, damit seine Reben wachsen können. Jede Rebe nimmt nur die wahr, die um sie sind. Der Weinstock aber kennt alle seine Reben und knüpft sich in das Schicksal einer jeden Rebe hinein.  
Er verbindet sich - mit allen Menschen. Er sitzt am Fenster im Altenheim und fühlt sich unendlich einsam und nutzlos. Er ist bei den schutzlosen Frauen, Kindern und Männern in den Favelas von Rio de Janeiro. Er trauert mit den Familien in Bergamo, die ihre toten Angehörigen nicht begraben durften. Er betet in den leeren Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln. Er ist ein Flüchtling und wartet in Moria oder einem anderen schrecklichen Flüchtlingscamp vor den Toren Europas. Er spürt den Stress der Eltern, die sich aufreiben zwischen Job und Kinderbetreuung. Er hängt an der Beatmungsmaschine und kämpft um sein Leben. Er verzweifelt mit dem kleinen Unternehmer, dem alles zusammen bricht, was er mühsam aufgebaut hat. Er auch an meiner Seite, wenn ich Angst haben, wenn ich mutlos bin, Wenn ich mich zurücksehne in die alten unbeschwerten Zeiten

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Er verbindet uns - mit allen Menschen. Weil er sich in alle Lebensgeschichten hineinbegibt, sind auch wir mit allen verbunden. Auch mit den Menschen in den Favelas von Rio, den Flüchtlinge in Moria oder den Familien in Bergamo. Das Schicksal der alten Menschen, der Kranken, der Sterbenden, der Gestressten und der Sorgenden kann uns nicht kalt lassen. Auch sie sind ein Teil von uns.
Er verbindet uns - mit allen Menschen. Wir alle sind seine Reben, wir alle haben das gleiche Recht auf Leben. Wir alle bekommen von ihm unsere Lebenskraft. Wir alle sind Teil eines großen Ganzen. Keine Rebe kann nur für sich allein leben. Wenn wir nur auf das eigene Wohl bedacht sind, lösen wir uns von ihm und verdorren. Wir tragen Verantwortung füreinander – weil wir zu ihm gehören

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Er braucht uns und wir brauchen ihn. Ohne Verbindung zum Weinstock verdorren die Reben und sind unnütz. Aber ohne die Rebzweige könnte der Weinstock keine Trauben hervorbringen. Nur gemeinsamen können wir die guten Früchte reifen lassen. Nur im Miteinander kann ein toller Wein entstehen. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Amen.

  Pfarrerin Renate Jäckel

Den Sorgen trotzen

Liebe Schwestern und Brüder,

wir erleben außerordentliche Tage, in denen viel Ungewohntes und Verunsicherndes geschieht, vor allem Sorgen und Ängste sich melden, die unser Vertrauen und Zuversicht fordern.
Die Älteren unter Ihnen werden ihn vielleicht noch kennen, diesen Satz damals aus der Zigarettenwerbung: „Mit frohem Herzen genießen!“ Wer von uns möchte das nicht? Wer möchte sich nicht am Leben freuen und von Herzen wirklich froh sein, besonders in diesen schwierigen und unruhigen Tagen.

Natürlich kennen wir sie, solche Augenblicke in unserem Leben; Augenblicke wo uns das Glück streift oder bei uns verweilt und wir ohne Einschränkung ein volles „Ja“ zum Leben sagen. Aber weil das eher die Ausnahme ist, und weil der Alltag eher eine Farbmischung ist, nicht unfreundlich, nicht farblos, weil er eine Farbpalette ist mit unterschiedlichen Farben, in denen aber vielleicht die Grautöne überwiegen, darum ziehen uns die hellen Töne und Farbtöne der Werbung an, die uns verheißen, wir könnten „mit frohem Herzen genießen“. In unserer Sehnsucht nach Glück sind wir ansprechbar, in unserem Wunsch nach Sorglosigkeit, keinen Einschränkungen mehr zu unterliegen, einen normalen Alltag führen zu können, sind wir zurzeit besonders erreichbar.
Im Moment sind Sorgen wohl eher unsere vertrauten Begleiter: In diesen Tagen der Unsicherheit, der Krankheit und des Kummers, in Stunden der Einsamkeit und der Verzweiflung, nicht wissend wie der Verdienst weitergeht, Verlust des Arbeitsplatzes, eines geliebten Menschen oder auch „nur“ einer liebgewordenen Gewohnheit.

In einem der Bibeltexte für diesen Sonntag „Misericordia Domini“ (die herzliche Barmherzigkeit Gottes) heißt es: „Alle eure Sorge werft auf ihn (Gott), denn er sorgt für euch!“ (1. Petrus 5,7).
Dieses Wort, das sich auf Gott bezieht und uns meint, das uns heute erreichen will und vielleicht doch so fern ist, das aber ein Grund zur Ent-Sorgung legen will, wo wir so viel Grund zur Sorge haben oder empfinden. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“
Doch ich fürchte, dass wir viele Zweifel haben.
Und ich selbst kenne auch meine eigenen Zweifel, dass ich der Sorge manchmal mehr glaube und zutraue, als diesem Wort der Bibel. Denn aus Erfahrung weiß ich, wie die Sorge mich immer wieder heimsuchen kann, ungebetener Gast, der sich meiner besonders in den Nachtstunden bemächtigt. Darum: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Ich selbst kenne zwei Formen, um mit Sorgen umzugehen: Das Gebet und das Gespräch. Dass ich im Gebet Gott alles sage, was mich bedrängt und mich belastet, ihm im übertragenen Sinn wirklich alles vor die Füße werfe, in der Hoffnung, er kann damit etwas anfangen; er fängt dort an, wo ich am Ende bin.

Oder aber ich sage im Gespräch zu einer Freundin, einem Freund, einem Vertrauten, dass mir schwer zumute ist und vertraue dem anderen alles an, was oder wer mir derzeit das Leben schwer macht. Das ist nicht einfach, aber oft ist mir danach leichter und wohler, und ich fühle mich verstanden von dem anderen, der mir zugehört hat, der mich nicht beschwichtigt hat, und der nicht gesagt hat: Es ist doch nicht alles so wild. Das Abwerfen der Sorge und der Last ist das Erste. Das Zweite ist der Glaube, dass Gott für uns sorgt. Dies zu glauben, halte ich fast für das Schwerere, denn wir haben alle gelernt, dass wir für uns selbst verantwortlich sind. Und hier wird mir gesagt, dass ich abhängig bin. Gott sorgt für mich. Soll ich die Hände in den Schoß legen? Was kann ich, was kann Gott tun? Zur Vorsorge und zur Fürsorge sind wir angehalten. Wir dürfen um Gottes Willen unser Sorgen nicht aufgeben um des anderen Willen.

Aber das Sorgen um uns selbst, das sollen wir sein lassen; sollen das loslassen; sollen uns selbst loslassen, uns Gott überlassen, sollen aufatmen und freier werden von uns selbst, denn „er sorgt für euch“. Das wünsche ich uns allen, dass wir das glauben und erfahren. Das heißt aber zugleich, dass wir Gott beim Wort nehmen. Er selbst ist es, der sein Wort zu halten hat. Wir können uns nur an ihn halten. Dazu möchte ich uns Mut machen, trotz aller Umstände. Wenn wir genau hinhören, fühlen wir, dass Gott uns ein Versprechen gibt, dass er uns etwas zuspricht. Vielleicht ist es nicht mit Händen zu greifen, vielleicht ist es aber notwendig, ist es eben das, was wir wirklich nötig haben. Amen.

  Pfarrer Gerd Springer, 26. April 2020

Begegnung mit dem Auferstandenen

„Woran merkst Du, dass Jesus auferstanden ist?“, frage ich jemanden, von dem ich gern wissen möchte, was er dazu denkt. Die Antwort lautet: „An den Ostereiern.“ Ich bin irritiert. Hat er meine Frage richtig verstanden? Oder weicht er aus und lenkt möglicherweise davon ab, dass er auf diese Frage keine Antwort hat. Aber vielleicht ist meine Frage auch nicht direkt zu beantworten. Insbesondere in dieser so anderen und zum Teil auch zunehmend bedrückenden Zeit. Oder es ist auch sonst schwierig mit Worten zu beschreiben, was geschehen ist. Denn die Auferstehung Jesu, des Sohn Gottes, übersteigt alle Vorstellungen.

Ich erinnere mich an unsere gegenseitigen Ostergrüße mit Abstand im Eingangsbereich der Bodelschwingher Schloßkirche am Ostersonntag: „Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“ Dieser Gruß ist ein sehr alter Ostergruß, den sich Christinnen und Christen der Ostkirchen am Ostermorgen einander zurufen. Und auch in unseren Kirchen begrüßen wir uns zunehmend mit diesen frohen Worten.

Auch Maria von Magdala wird vermutlich so oder so ähnlich von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen den Jüngern Jesu erzählt und zugerufen haben: Christus ist auferstanden. Er ist tatsächlich auferstanden!“ (vgl. Johannesevangelium 20,18)

Was bedeuten diese Worte, was bedeutet die Auferstehung für unser Leben? Gerade jetzt in dieser Zeit und in unserer eigenen Lebenszeit, die insgesamt geprägt ist von Einschränkungen und vielleicht auch von Sorgen, die es in dieser Form vielleicht so noch nie gegeben hat?

Ich will die Antwort mit den Ostereiern ernst nehmen, auch wenn derjenige, der mir die Antwort gegeben hat, hin und wieder gern einen Scherz macht. In der freien Enzyklopädie Wikipedia im Internet lese ich unter dem Begriff „Osterei“: „Das Dekorieren von Eierschalen ist weitaus älter als die christliche Tradition, was 60.000 Jahre alte Funde dekorierter Straußeneier aus dem südlichen Afrika beweisen. Auch wurden 5.000 Jahre alte verzierte Straußeneier in antiken Gräbern der Sumerer und Ägypter gefunden. Bemalte Eier als Grabbeigabe sind auch aus der europäischen Antike bekannt. Die frühen Christen Mesopotamiens bemalten Eier rot, um an das Blut Christi zu erinnern, das er bei der Kreuzigung vergoss. In der christlichen Bildkunde gilt das Ei als eines der Symbole für die Auferstehung Jesu Christi.“

Da ist sie wieder: Die Auferstehung. Hier ist es ihre Symbolkraft, die auch durch unsere aktuellen Osterbräuche weiterhin durchscheint.

Aber die echte Begegnung mit dem Auferstandenen, kann ich sie wahrnehmen? Würde ich erkennen, dass er es ist? Wie zeigt er sich mir?

Woran spüren Sie, dass der Auferstandene bei Ihnen ist?

Im Lukasevangelium im 24. Kapitel wird die Geschichte von den Emmausjüngern erzählt, die mit dem Auferstandenen unterwegs waren, ohne es zu wissen; hier die Verse 25-35:
„Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

Was brauchen wir um wahrzunehmen und zu erkennen, das Christus bei uns ist? Dass wir dem Auferstandenen begegnen? Oder sollte ich besser sagen, dass er uns begegnet?

Menschen erfahren dieses Erleben unterschiedlich intensiv und beschreiben es auf verschiedene Arten und Weisen: u.a. als Erleuchtung, wie ein tiefes Glücksgefühl, das Empfinden einer besonderen Nähe und Verbundenheit, ohne dass ein Mensch real neben ihnen steht, in der Gemeinschaft der Gläubigen im Gottesdienst, als eine sie durchströmende Segenskraft, wie das Wirken des Heiligen Geistes oder der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft.

Sie erkennen es beispielsweise im Wirken von Menschen, die sich miteinander und für andere verbünden, die sich einsetzen für mehr Gerechtigkeit und den Erhalt der Schöpfung, die Verzicht üben, damit Fluchtbewegungen nachlassen können. Sie entdecken es in Engagierten, die den Schwachen, Kranken und Sterbenden ihre Zeit und Zuwendung schenken. Auch ohne die Erwartung und Aussicht auf Erwiderung.

Auf dem Weg nach Emmaus geschieht nichts Lautes und nichts Spektakuläres. Der Auferstandene ist einfach da. Im gemeinsamen Unterwegssein findet die Begegnung statt. Und doch ist und wird alles anders. Denn es ist die Begegnung mit dem Christus. Die alten Weissagungen und die Prophezeiungen sind erfüllt worden. Der Sohn Gottes lebt. Nach Ostern auch mitten unter uns.

Als Erlöste lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

  Pfarrerin Antje Lewitz-Danguillier, 19. April 2020.

Ostern 2020

Zu Ostern denken die Christen an die Aufer­stehung Jesu von den Toten.
Jesus war am Karfreitag gekreuzigt und nach seinem Tod begraben worden.
Alle, die ihm nachgefolgt waren, seine Freunde, die Jünger und auch viele viele andere Menschen hatten von einem Tag auf den anderen keinen Anführer mehr. Niemand mehr, an den sie sich halten konnten und der ihnen, wenn auch nur in Geschichten, Weg­weisung für ihr Leben gab.
Die Menschen waren enttäuscht, stelle ich mir vor. Sie hatten sich von Jesus viel erwartet.
Die Freunde hatten Angst und leugneten ziemlich schnell Jesus überhaupt gekannt zu haben. Und sie versteckten sich in den Häusern.
Auch am Ostersonntag versteckten sie sich. Die einzigen, die sich trauten, Jesus wenigstens auf dem Friedhof zu suchen, waren die Frauen, die auch zu den Freunden zählten.
Erst viel später haben die Freunde Jesu und auch die Menschen gespürt, dass es weiterging: Dass Jesus nicht tot geblieben ist.
Aber das, was vorher war, als er noch lebte: Beifall auf den Gassen, Palm­zweige auf den Straßen, Ausländer, die geheilt werden wollten, Tausende, die ihm zuhörten - das gab es nicht mehr.
Ab Ostern wurde alles anders.

Was schreibt man zu Ostern heute?
Ostern in Corona-Zeiten, ohne Gottes­dienste, ohne Oster­früh­stück, ohne Treffen mit allen nächsten Verwandten, die sich oft genug nur zwei Mal im Jahr – zu Ostern und zu Weih­nachten - wirklich alle sehen – das ist nicht schön.
Viele Menschen machen sich Sorgen: Was wird mit dem Arbeitsplatz, was wird mit den Verwandten, was wird mit mir, mit meinem gewohnten Leben, denen, die ich liebe?
Das alles wissen wir jetzt nicht. Und das macht es schwer, schwer auszuhalten. Die Unge­wissheit fängt an, uns zu zermürben. Wir würden gerne etwas tun, aber was?

Wir können nichts anderes tun als abzuwarten, vorsichtig zu sein mit uns und anderen, vielleicht, wenn es uns gegeben ist, Mund­schutz­masken zu nähen und sie zur Verfügung zu stellen, für andere einzu­kaufen, die uns fragen und auch selber unsere Hilfe anzubieten.
Wir können überlegen, wen wir anrufen können, mit dem wir schon länger nicht gesprochen haben. Wir können auch jemand anderen fragen, ob sie oder er mit spazieren geht. Wir können abends um 19.30 Uhr, wenn die Glocken läuten, beten, für uns und für die Welt.

Viele hoffen, dass es bald wieder normal werden möge, wieder so wie vorher.
Ich denke, das wird es nicht.
Denn vorher, was war da? Viele Menschen sind oft in großer Eile und viel­beschäftigt gewesen. Termine bei der Arbeit, Termine für sich selber, Streit mit anderen, sich Aufregen über andere, Projekte...
Klimakatastrophe, Klimawandel waren die Themen, die das Leben beherrscht haben. Jeder wusste, dass es unser Lebens­stil ist, der das bewirkt.
Das Leben verlief schnell, wir haben uns in einem hohen Tempo bewegt und gelebt, denke ich jetzt. Viel Unnötiges ist gemacht worden. Viele Fahrten mit dem Auto waren eigentlich über­flüssig, wir merken das an der Stille, die in unseren Straßen herrscht. Es ist ein Gefühl, als ob jeden Tag Sonntag ist.
Das Leben hat sich bis zur Unerträglich­keit verlangsamt. Wir sind gezwungen, es mit uns selber auszuhalten.
Wenn alles schnell geht, dann spüren wir nicht so viel. Wir fühlen uns gebraucht, wichtig, unser Leben hat einen Sinn, wenn wir viele Aufgaben haben und ständig irgendetwas machen müssen. Es fällt uns schwer, nichts zu tun.
Ich denke, wenn diese Krise einen Sinn hat, dann den, dass wir alle einen Schnellig­keitsgang im Leben zurück­schalten in der kommenden Zeit, vielleicht für lange Zeit. Dass wir einsehen, dass es auch mit weniger geht, dass wir merken, dass nicht immer alles perfekt sein muss.
Ostern 2020 - wir denken an uns.
Wir werden Geduld brauchen in der nächsten Zeit. Und wer uns schnelle und einzig wahre Lösungen verspricht oder der starke Mann sein will, dem wir folgen sollen, dem sollten wir misstrauen.
Wir werden Zeit brauchen und Mut für uns und andere, den Willen, nicht zu verzweifeln und die Einsicht, dass nicht alles nach unserem Willen geht.
Darin sind wir den Freunden Jesu nach Ostern sehr ähnlich.
Er hat zu ihnen gesagt: Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.
Darum: Ob wir in diesen Tagen allein oder zu zweit unterwegs sind –
Er geht mit.

  Pfarrerin Birgit Irmer, 12.04.2020

Geistlicher Impuls zum Karfreitag

Karfreitag – ich halte inne - Ich blicke auf dein Kreuz. Ich sehe die Spuren der Folter, die sich in deinen Körper eingebrannt haben. Ich ahne deine Qualen.
Aber - wenn andere leiden, darf man doch nicht gaffen. Also schnell wegsehen und an etwas anderes denken. Ist ja auch nur eine alte Geschichte.

Karfreitag – nein, heute soll alles anders sein. Ich will nicht schnell den Blick abwenden. Ich will genau hinsehen und hinhören. Auch ich soll heute das aushalten, was das Leben durchkreuzt. Denn die Geschichte ist längst nicht zu Ende.

Die Erinnerung platzt auf – so war das damals. Verraten und von den Freunden im Stich gelassen wurdest du. Dann durch das Räderwerk der Mächtigen geschleust und um des lieben Friedens willen geopfert. Brutalität und Demütigungen hast du aushalten müssen, dann die fürchterlichen Qualen am Kreuz. Dabei wurden viele Worte gemacht. Da wurde angeklagt und verurteilt, kommandiert und kommentiert, schön geredet und hämisch niedergemacht. Selbst unter dem Kreuz noch war es alles andere als still. Aber der Himmel - blieb die ganze Zeit stumm. Der Vater hat zu allem geschwiegen und nicht eingegriffen.

Die Erinnerung beschämt – so ist das noch heute. Da wird verraten und im Stich gelassen und wer ins Räderwerk der Mächtigen gerät, kommt darin um. Da wird im Kleinen wie im Großen geopfert und gedemütigt, gefoltert und gemordet. Da werden – um der Ruhe willen, um des Fortschritts willen, um der Ordnung  willen – Menschen zur Strecke gebracht. Da wird manchen so viel aufgebürdet, dass es fassungslos macht. Und auch heute werden dabei viele Worte gemacht, um anzuordnen, zu erklären und zu rechtfertigen, um zu verharmlosen oder abzuurteilen. Aber der Himmel - bleibt die ganze Zeit stumm. Der Vater schweigt zu allem und greift nicht ein.

Warum all das?! Wie kann Gott, wie kann dein Vater, dein Leiden und all das andere Leiden zulassen?!

Auch das Geschehen auf Golgatha liefert keine Antwort auf diese Fragen Das müssen wir aushalten – oder den Karfreitag überspringen und uns gleich in den Osterjubel flüchten. Auf die Karfreitagsfragen nach dem warum-weshalb-wieso gibt es keine Antwort, denn es sind Fragen, die aus dem Schweigen kommen und die ins Schweigen führen. Darum bringen all die vielen wortreichen, oft theologisch ausgeklügelten, Deutungsversuche des Karfreitagsgeschehens kein wirkliches Verstehen Das bleibt für unseren menschlichen Verstand unfassbar. Das bringt uns zum Verstummen   

Die, die damals als Handelnde oder als Schaulustige dabei waren, konnten das Schweigen nicht ertragen. Darum war es auf Golgatha so laut. Nichts hat sich geändert seitdem. Wir reden, weil auch wir das Schweigen Gottes nicht ertragen. Weil auch wir das Leiden deuten und handhabbar machen wollen. Es beginnt mit dem „Kopf hoch, das wird schon wieder“ und reicht bis zum „Wen Gott liebt, den schlägt er“. Viele Worte werden gemacht, obwohl eigentlich die Worte fehlen. Und an den wichtigen Stellen, da wo es um unsere Verantwortung für das Leiden geht, bleiben wir stumm. So reden die, die besser schweigen sollten. Es schweigt der, den alle hören wollen.

Ich sehe auf das Kreuz - und ich höre deine Worte Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Über den Abgrund der Verlassenheit hinweg hast du dich an den geklammert, der deine Hoffnung war. So hast du das Schweigen durchbrochen und Gott in eure Geschichte zurückgerufen. Auch der schweigende Vater bleibt dein Gott. Du hast an ihm festgehalten und, selbst einsam und ausgeliefert, Gott nicht aufgegeben. Zeit deines Lebens hast du Gott vertraut, ohne Berechnung oder Vorgabe, wie Gott dieses Vertrauen zu honorieren habe. Darum kannst du nicht anders, als dich auch noch in deiner Todesnot an ihn zu klammern und ihn auch in dein Sterben hineinzuknüpfen. So ist dein Gott selbst noch in der Gottverlassenheit deine Zuflucht.

Karfreitag – ich halte inne. Ich blicke auf dein Kreuz. Ich halte das Schweigen aus.
Ich spüre, schlimmer kann es auch für mich nicht kommen. Du hat alles schon durchgemacht, was mir zu schaffen macht, was mich zerbricht, was mein Leben durchkreuzt. Du kennst alle unbeantworteten Fragen. Du hast alles schon erlitten, was heute Menschen niederdrückt und leiden lässt. Dein Kreuz markiert den absoluten Tiefpunkt. In dir ist Gott bis zum Äußersten gegangen. Gott hat alles hergegeben - damit es für mich und für alle Menschen weitergehen kann. Damit wir alle Hoffnung haben, wenn wir geschunden und am Ende sind. Damit wir auch in der größten Not und Verlassenheit noch „mein Gott, wo bist du“ schreien können. Unvorstellbar was dein Vater, unser Gott, sich unsre Rettung hat kosten lassen.

Nicht immer trägt mich diese Verheißung. Oft verstehe ich diese Welt nicht, dann rückt auch Gott weit weg. Eigene Not und fremdes Leid lässt mich dann doch wieder nach dem warum fragen. Doch ich weiß, auch mir bleibt dann nur, Gott nicht aufzugeben. Auch für mich ist der einzige Ausweg, darauf zu vertrauen, dass Gott auch heute, in diesen ungewohnten und ungewissen und für viele leidvollen Tagen, in allem dabei ist, was mir oder was anderen widerfährt. Dass er die Angst und Ohnmacht spürt und die Sorgen kennt. So wie du ihn damals nicht losgelassen und mit in dein Leiden hineingenommen hast, so will auch ich mich an Gott festklammern und darauf vertrauen, dass er auch an meinen Karfreitagen gegenwärtig ist.

Gottesfinsternis (Carola Moosbach)
Da brach jeder Halt weg
und schien auch kein Sinn mehr
da schloss sich die Angst
wie ein Schmerz um die Seele
da war auch kein Trost mehr
die anderen lachten
und Du ganz alleine im Dunkeln
Da hab ich Dich schreien gehört
Bruder
da hab ich Dich weinen gehört
Schwester
da hab ich Dir glauben gelernt
Gott Schwester Bruder
dass Du auch mein Weinen und Schreien hörst
Amen

  Pfarrerin Renate Jäckel, 10. April 2020

„Sie hat getan, was sie tun konnte.“

Die Karwoche beginnt, in der wir Christen­menschen besonders an das Leiden und Sterben Jesu erinnern und auch heutiges Leiden und unsere Traurig­keiten bedenken. Tage, in denen wir uns auf Ostern vorbereiten. Eine Zeit, in der wir wahr­nehmen können, was wir tun können.

Im Markusevangelium im 14. Kapitel lesen wir: „Und als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbaren Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen unter­einander: Was soll diese Verschwendung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silber­groschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Laßt sie in Frieden! Was betrübt Ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Ihr habt allezeit Arme bei Euch und wenn Ihr wollt, könnt Ihr Ihnen Gutes tun; mich aber habt Ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie tun konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage Euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“

Alle wissen es, aber niemand will es wahr­haben, wovor alle Angst haben: dass sie von Jesus Abschied nehmen müssen. Da sitzen sie nun zusammen: Jünger und Jüngerinnen, ein paar Leute aus dem Dorf. Und Jesus fühlt sich unter all diesen Menschen vielleicht allein mit seinen Ahnungen. Manchmal schweigen wir und tun Nichts, aus Furcht etwas Falsches zu tun oder zu sagen. Der Text weiß um unsere Hilflosigkeit und ist zugleich ein Text gegen die Einsamkeit. Es geht in der Passionszeit darum, mit dem Tod und der Trauer leben zu lernen. Damit uns nicht mehr diese Angst beschleicht, die uns den Weg versperrt zu Menschen, die leiden und dem Tode nahe sind. Jesus betont, dass wir uns erinnern sollen, gerade an diese Frau, die sich getraut hat, seine Einsamkeit zu durch­brechen und einen Weg gefunden hat, um ihn zu trösten.

Zu ihrem Gedächtnis erinnern wir uns: da kommt auf einmal diese Frau herein. Mutig geht sie ohne Worte auf Jesus zu und salbt ihn. Sie tut tapfer etwas, was alle Schwellen überschreitet. Denn gesalbt werden in Israel die Toten, als letzter Liebesdienst vor ihrem Begräbnis. In ihrem Tun liegt etwas Wissendes, Warmes und Tröstliches. Dabei bestätigt sie Jesus, dass er für sie in seiner Schwäche noch der ist, der er vorher für sie gewesen ist, der, an dem ihre ganze Hoffnung hängt. Denn wie einst die Propheten Israels Könige gesalbt haben, so salbt sie hier in Betanien Jesus zum König von Israel, zum Messias, zwei Tage vor seinem Tod. Bei den Anderen steigt Ärger auf und sie fahren die Frau an. Jesus aber sagt: „Lasst sie in Frieden! Sie hat getan, was sie tun konnte.“ Jetzt findet Jesus auch Worte für sich selbst. Jetzt geht es nicht um die Armen, jetzt nicht. Sondern jetzt geht es um mich! Und diese Frau hier, die hat das verstanden. Einen wichtigen Satz hört die Frau von Jesus: „Sie hat getan, was sie tun konnte.“

Was wir tun können, ist verschieden zu unter­schied­lichen Zeiten. Was wir tun können, ist das, was in unseren Kräften steht und was in diesem Moment, jetzt, möglich ist. In diesen Zeiten ist Vieles anders: Es ist still in den Kirchen, in die wir kommen. Manche sprechen ein Gebet lieber Zuhause oder unter freiem Himmel, weil sie sich dort sicherer fühlen. Manche nehmen Abschied am Grab und besuchen alleine oder zu zweit den Friedhof, verbunden in Gedanken mit Anderen, die trauern. Manche rufen an und suchen Nähe über Worte. Manche spenden für Organi­sationen, die Obdachlose unterstützen. Wir können eine Kerze anzünden, für uns selbst und für andere. Wir können Andere aufmerksam machen auf einen wunderschön blühenden Baum. Wir können Menschen, denen wir begegnen, beim Einkauf oder auf der Straße, ein Lächeln schenken, Ihnen zuwinken und sie freundlich grüßen.

Wir tun, was wir in diesen Zeiten tun können, zum Gedächtnis an eine Frau, die das getan hat, was sie tun konnte.

  Pfarrerin Stephanie Lüders,  05.04.2020

Verborgenes Licht

Nach meinem Urlaub frage ich im Gemeindebüro nach, ob die bestellten Osterkerzen schon angekommen sind. - Zum vierten Mal gibt es nun eine gemeinsame „ökumenische“ Bestellung der Evangelischen Noah-Kirchengemeinde und des Katholischen Pastoralverbunds Dortmund-Nord-West. Dabei handelt es sich nicht nur um eine gemeinsame Bestellung, sondern alle sechs Kerzen haben auch dasselbe Motiv. - Ja, sie seien geliefert worden und lägen in der Sakristei. Wie schön, denke ich, das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Im selben Moment kommt mir der Gedanke, ob sie auch dieses Jahr am Ostersonntag in unseren Kirchen angezündet und brennen werden. In dieser belastenden und bedrohten Zeit, in der auch die Passionszeit als Vorbereitung auf das Osterfest für viele Menschen auf dieser Welt wahrscheinlich eine weitaus tiefere Bedeutung haben wird als in anderen Jahren. Denn diese Zeit ist radikal anders: Die Bedrohung durch das neue Virus, individuell, gesellschaftlich und global. Leben mit immensen Einschränkungen im Alltag, Angst vor Arbeitslosigkeit und Existenzverlust, die Sorge davor, selbst zu erkranken, die Folgen der Kontaktsperre und die Zunahme von Einsamkeit und häuslicher Gewalt. Überlastungen und Überforderungen vielerorts. Diese hier sind nur einige Stichworte, welche die aktuelle Situation mit kennzeichnen. Dazu kommt das je persönliche Erleben von uns Menschen, körperlich, seelisch und geistig, mit all seinen eigenen Facetten. Sowie die Auswirkungen dieses aktuellen hochkomplexen Geschehens, die in ihrer Bandbreite heute noch lange nicht absehbar sind. Und auch wenn die Lagune von Venedig schon lange nicht mehr so klares Wasser wie heute hatte und Delphine in Italiens Häfen gesichtet werden und der Himmel über uns blauer erscheint als sonst, weil der Flugverkehr eingeschränkt ist; viele Menschen haben Angst und fürchten sich vor dem, was gerade geschieht. Empfinden mehr Dunkelheit als Licht.

Ich mache mich auf den Weg zur Kirche, muss jede einzelne Kerze kontrollieren, ob beim Transport auch nichts passiert ist und die bestellten Maße stimmen. Ich schaue in den ersten Karton.
Die Kerzen sind einzeln und aufwendig verpackt. Eingerollt in mehrere Lagen Papier und Luftpolsterfolie. Vorsichtig öffne ich und entferne das Schutzmaterial. Dann leuchtet mir das Motiv entgegen. Wie schön diese Kerzen jetzt schon aussehen!

In diesem Jahr haben wir uns entschieden für die Darstellung eines Kreuzes auf einem warmen gelb orangenen Farbgrund, der selbst in einer Kreuzform über das eigentliche Kreuz hinaus ausstrahlt. Das feine goldfarbene Wachskreuz ist mit einem kräftigen Rot unterlegt. Kleinere rot gedruckte und goldene aufgesetzte Wachspunkte füllen wie feine Tropfen das Farbenfeld. Über dem Kreuz stehen miteinander verbunden die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, der erste und der letzte Buchstabe des klassischen griechischen Alphabets. Sie sind ein Symbol für Anfang und Ende und damit für das Umfassende: Für Gott und insbesondere für Christus als den Ersten und Letzten. Unter dem Kreuz steht die Zahl 2020 als Jahreszahl.

Ich wickle die einzelnen Kerzen wieder sorgfältig ein; so akkurat wie vor dem ersten Auspacken am Anfang sieht das nicht mehr aus. Ich lege sie in die Kartons zurück. Ihre Zeit kommt noch. Es sind Osterkerzen.

Für mich sind sie schon jetzt ein wichtiges Zeichen. In der Dunkelheit helfen sie mir ans Licht zu glauben. Daran, dass Gott alle Dunkelheit überwinden wird. Durch alle Passion hindurch und weit über diese hinaus. Bis in die Ewigkeit. Auch wenn ich es jetzt noch nicht fassen und verstehen kann.

Doch ich glaube daran: Das Leben, das Gott uns schenkt, ist stärker als der Tod. „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“ (Johannesevangelium 1,5)

Noch im Verborgenen erwarten wir die Auferstehung Jesu Christi.

In aller Dunkelheit und Finsternis schütze und begleite Sie und euch Gottes Licht und Segen!

  Pfarrerin Antje Lewitz-Danguillier,  29.03.2020

Halt in unsicheren Zeiten

Diese Worte aus Psalm 91 werden in vielen  Klöstern zu jeder Nacht gebetet:
 Gott wird dich mit seinen Fittichen decken,
 und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
 Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
 vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
 vor der Pest, die im Finstern schleicht,
 vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
 Denn der Herr ist deine Zuversicht,
 der Höchste ist deine Zuflucht

Für mich sind es tröstliche Worte  in dieser Zeit, wo das gewohnte Leben auf dem Kopf und fast still steht. Das war bislang unvorstellbar, dass von einem Tag zum anderen Kindergärten, Schulen, Universitäten, Lokale und viele Geschäfte schließen müssen. Dass Kirchengemeinden ihre Arbeit fast ganz einstellen und bislang selbstverständliche Freizeitaktivitäten verboten werden. Wer hätte gedacht, dass einmal gefordert wird „geht auf Abstand!“ statt „geht aufeinander zu“. Ja, auch wir haben eine Verderben bringende Seuche hautnah kennengelernt.

Und auch das Grauen der Nacht kennen wir. Viel Angst ist da. Berechtigte Angst bei denen, die um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten oder sich um die eigene Gesundheit oder das Wohlbefinden ihrer Lieben sorgen.  Unvernünftige Angst bei denen, die Panikkäufe tätigen oder „fake news“ verbreiten. Niemand kann sich der Angst ganz entziehen. Die derzeitige Situation ist noch zu neu. Wir wissen  nicht, was da noch auf uns zukommen wird. Wir wissen nicht, ob wir unser altes Leben zurückbekommen. Wann wir wieder unbeschwert einen Urlaub oder eine Familienfeier planen können.

Ich möchte mich in diesen ungewissen Zeiten, so wie der Psalmbeter, an der Zusage festhalten: Bei Gott gibt es Zuversicht und Zuflucht auch dann, wenn die Pest schleicht und die Pfeile fliegen. Das bedeutet nicht, dass wir dagegen gefeit sind, dass uns das Virus erreicht. Es bedeutet aber, dass Gott uns immer und überall im Blick hat. Auch wenn wir vieles nicht in der Hand haben, so sind wir doch stets in Gottes Hand. Gott trägt und schützt uns – damit wir „nicht erschrecken vor dem Grauen der Nacht“. Damit wir ruhiger und gelassener werden.

So zaubert Gott das Dunkle und Bedrohliche nicht weg – aber er lässt uns nicht darin umkommen. Das ist die große Verheißung unseres Glaubens. Wenn eigenes Leid uns das Herz schwer macht, wenn die Nachrichten dieser Welt uns den Atem rauben, wenn die Hoffnung auf eine gute Zukunft verdunkelt wird – Gott sieht es. Er weiß, wie es wirklich in uns aussieht, er steht auch an unsrer Seite. Was darum nicht bleiben muss, das ist das hilflose Erschrecken, die ohnmächtige Resignation und die lähmende Angst, die uns so oft die Kraft rauben, weiterzugehen.  

Wenn wir uns so an Gott festhalten, dann gelingt ja vielleicht auch uns das, was sich fast so schnell wie das Virus im Corona-geplagten Italien verbreitet hat – da fangen die Leute an zu singen. Nicht einmal der schnelle Espresso an der Bar geht mehr, aber sie singen von Balkon zu Balkon – miteinander und füreinander. Die Kirchenleitung hat angeregt, das auch bei uns zu tun – jeden Abend um 19.00 Uhr an Fenstern, auf Balkonen und in Gärten „der Mond ist aufgegangen“ zu singen und zu musizieren. Und in Dortmund zünden wir dann um 19.30 Uhr in ökumenischer Verbundenheit eine Kerze an und beten das „Corona Gebet“. *

Das wird das Virus nicht stoppen. Aber es hält ein Stück Gemeinschaft lebendig, gerade für die, die jetzt allein in ihrem Zuhause sind. Und es kann das Grauen für einen Moment in Schach halten. Wer singt und musiziert hat grad keine Zeit, sich zu fürchten. Wer ein Licht anzündet und betet, stellt sich in Gottes Licht und bettet sich in seine Hand.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei“ heißt es schon am Anfang der Bibel – nutzen wir unsere Möglichkeiten gegen Sorgen und Ängste, indem wir gerade jetzt, trotz der notwendigen körperlichen Distanz einander nahe bleiben – mit Gesprächen, Gebeten, Nachrichten über elektronische Medien. So können wir uns gegenseitig aufrichten, trösten und unterstützen. Die Corona Krise nimmt uns nicht nur vieles, sie kann auch neue Möglichkeiten eröffnen. Wir haben mehr Zeit als sonst. Das schafft Raum für neue Erfahrungen, Zeit für Besinnung, Zeit für Gebet, Zeit für das Nachdenken über das, was wirklich wichtig ist im Leben.

„Gott wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln“. Die Erinnerung an Gottes Liebe, die nach einem Ende einen neuen Anfang möglich macht, das sind die Fittiche unter denen wir uns bergen können. Das Vertrauen, dass Gott uns nie im Stich lässt, das ist unsere Zuflucht in allem, was uns widerfährt. Zu Gott können wir uns flüchten, wenn uns alles über den Kopf wächst, uns bei ihm fallenlassen und der Erschöpfung nachgeben. Im Gebet können wir ihm klagen, was uns ängstigt, alle Sorgen und Zweifel bei ihm abladen.
So ist Gott der Zufluchtsort, wo wir einmal nicht stark sein müssen und wieder zu Atem kommen können. Wo unser Blick sich weitet, damit wir nicht nur das Dunkle, sondern auch die oft ganz alltäglichen Zeichen der Güte Gottes in unserem Leben sehen. Denn: In jedem Wort, das uns in dunklen Zeiten für einen Moment Trost und neue Hoffnung gibt, da spricht auch Gott zu uns. In jedem Zuspruch,  der Hoffnung weckt. In jedem Lächeln, das uns Geborgenheit gibt, da umhüllt uns auch Gott mit seiner Fürsorge und Liebe.

Bleiben Sie behütet.

Amen

    Pfarrerin Renate Jäckel,  22.03.2020

*Das Corona Gebet ist im Aufruf zum Ökumenischen Gebet abgedruckt