Geistlicher Impuls

„Sie hat getan, was sie tun konnte.“

Die Karwoche beginnt, in der wir Christen­menschen besonders an das Leiden und Sterben Jesu erinnern und auch heutiges Leiden und unsere Traurig­keiten bedenken. Tage, in denen wir uns auf Ostern vorbereiten. Eine Zeit, in der wir wahr­nehmen können, was wir tun können.

Im Markusevangelium im 14. Kapitel lesen wir: „Und als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbaren Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen unter­einander: Was soll diese Verschwendung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silber­groschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Laßt sie in Frieden! Was betrübt Ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Ihr habt allezeit Arme bei Euch und wenn Ihr wollt, könnt Ihr Ihnen Gutes tun; mich aber habt Ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie tun konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage Euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“

Alle wissen es, aber niemand will es wahr­haben, wovor alle Angst haben: dass sie von Jesus Abschied nehmen müssen. Da sitzen sie nun zusammen: Jünger und Jüngerinnen, ein paar Leute aus dem Dorf. Und Jesus fühlt sich unter all diesen Menschen vielleicht allein mit seinen Ahnungen. Manchmal schweigen wir und tun Nichts, aus Furcht etwas Falsches zu tun oder zu sagen. Der Text weiß um unsere Hilflosigkeit und ist zugleich ein Text gegen die Einsamkeit. Es geht in der Passionszeit darum, mit dem Tod und der Trauer leben zu lernen. Damit uns nicht mehr diese Angst beschleicht, die uns den Weg versperrt zu Menschen, die leiden und dem Tode nahe sind. Jesus betont, dass wir uns erinnern sollen, gerade an diese Frau, die sich getraut hat, seine Einsamkeit zu durch­brechen und einen Weg gefunden hat, um ihn zu trösten.

Zu ihrem Gedächtnis erinnern wir uns: da kommt auf einmal diese Frau herein. Mutig geht sie ohne Worte auf Jesus zu und salbt ihn. Sie tut tapfer etwas, was alle Schwellen überschreitet. Denn gesalbt werden in Israel die Toten, als letzter Liebesdienst vor ihrem Begräbnis. In ihrem Tun liegt etwas Wissendes, Warmes und Tröstliches. Dabei bestätigt sie Jesus, dass er für sie in seiner Schwäche noch der ist, der er vorher für sie gewesen ist, der, an dem ihre ganze Hoffnung hängt. Denn wie einst die Propheten Israels Könige gesalbt haben, so salbt sie hier in Betanien Jesus zum König von Israel, zum Messias, zwei Tage vor seinem Tod. Bei den Anderen steigt Ärger auf und sie fahren die Frau an. Jesus aber sagt: „Lasst sie in Frieden! Sie hat getan, was sie tun konnte.“ Jetzt findet Jesus auch Worte für sich selbst. Jetzt geht es nicht um die Armen, jetzt nicht. Sondern jetzt geht es um mich! Und diese Frau hier, die hat das verstanden. Einen wichtigen Satz hört die Frau von Jesus: „Sie hat getan, was sie tun konnte.“

Was wir tun können, ist verschieden zu unter­schied­lichen Zeiten. Was wir tun können, ist das, was in unseren Kräften steht und was in diesem Moment, jetzt, möglich ist. In diesen Zeiten ist Vieles anders: Es ist still in den Kirchen, in die wir kommen. Manche sprechen ein Gebet lieber Zuhause oder unter freiem Himmel, weil sie sich dort sicherer fühlen. Manche nehmen Abschied am Grab und besuchen alleine oder zu zweit den Friedhof, verbunden in Gedanken mit Anderen, die trauern. Manche rufen an und suchen Nähe über Worte. Manche spenden für Organi­sationen, die Obdachlose unterstützen. Wir können eine Kerze anzünden, für uns selbst und für andere. Wir können Andere aufmerksam machen auf einen wunderschön blühenden Baum. Wir können Menschen, denen wir begegnen, beim Einkauf oder auf der Straße, ein Lächeln schenken, Ihnen zuwinken und sie freundlich grüßen.

Wir tun, was wir in diesen Zeiten tun können, zum Gedächtnis an eine Frau, die das getan hat, was sie tun konnte.

  Stephanie Lüders,  05.04.2020

Verborgenes Licht

Nach meinem Urlaub frage ich im Gemeindebüro nach, ob die bestellten Osterkerzen schon angekommen sind. - Zum vierten Mal gibt es nun eine gemeinsame „ökumenische“ Bestellung der Evangelischen Noah-Kirchengemeinde und des Katholischen Pastoralverbunds Dortmund-Nord-West. Dabei handelt es sich nicht nur um eine gemeinsame Bestellung, sondern alle sechs Kerzen haben auch dasselbe Motiv. - Ja, sie seien geliefert worden und lägen in der Sakristei. Wie schön, denke ich, das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Im selben Moment kommt mir der Gedanke, ob sie auch dieses Jahr am Ostersonntag in unseren Kirchen angezündet und brennen werden. In dieser belastenden und bedrohten Zeit, in der auch die Passionszeit als Vorbereitung auf das Osterfest für viele Menschen auf dieser Welt wahrscheinlich eine weitaus tiefere Bedeutung haben wird als in anderen Jahren. Denn diese Zeit ist radikal anders: Die Bedrohung durch das neue Virus, individuell, gesellschaftlich und global. Leben mit immensen Einschränkungen im Alltag, Angst vor Arbeitslosigkeit und Existenzverlust, die Sorge davor, selbst zu erkranken, die Folgen der Kontaktsperre und die Zunahme von Einsamkeit und häuslicher Gewalt. Überlastungen und Überforderungen vielerorts. Diese hier sind nur einige Stichworte, welche die aktuelle Situation mit kennzeichnen. Dazu kommt das je persönliche Erleben von uns Menschen, körperlich, seelisch und geistig, mit all seinen eigenen Facetten. Sowie die Auswirkungen dieses aktuellen hochkomplexen Geschehens, die in ihrer Bandbreite heute noch lange nicht absehbar sind. Und auch wenn die Lagune von Venedig schon lange nicht mehr so klares Wasser wie heute hatte und Delphine in Italiens Häfen gesichtet werden und der Himmel über uns blauer erscheint als sonst, weil der Flugverkehr eingeschränkt ist; viele Menschen haben Angst und fürchten sich vor dem, was gerade geschieht. Empfinden mehr Dunkelheit als Licht.

Ich mache mich auf den Weg zur Kirche, muss jede einzelne Kerze kontrollieren, ob beim Transport auch nichts passiert ist und die bestellten Maße stimmen. Ich schaue in den ersten Karton.
Die Kerzen sind einzeln und aufwendig verpackt. Eingerollt in mehrere Lagen Papier und Luftpolsterfolie. Vorsichtig öffne ich und entferne das Schutzmaterial. Dann leuchtet mir das Motiv entgegen. Wie schön diese Kerzen jetzt schon aussehen!

In diesem Jahr haben wir uns entschieden für die Darstellung eines Kreuzes auf einem warmen gelb orangenen Farbgrund, der selbst in einer Kreuzform über das eigentliche Kreuz hinaus ausstrahlt. Das feine goldfarbene Wachskreuz ist mit einem kräftigen Rot unterlegt. Kleinere rot gedruckte und goldene aufgesetzte Wachspunkte füllen wie feine Tropfen das Farbenfeld. Über dem Kreuz stehen miteinander verbunden die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, der erste und der letzte Buchstabe des klassischen griechischen Alphabets. Sie sind ein Symbol für Anfang und Ende und damit für das Umfassende: Für Gott und insbesondere für Christus als den Ersten und Letzten. Unter dem Kreuz steht die Zahl 2020 als Jahreszahl.

Ich wickle die einzelnen Kerzen wieder sorgfältig ein; so akkurat wie vor dem ersten Auspacken am Anfang sieht das nicht mehr aus. Ich lege sie in die Kartons zurück. Ihre Zeit kommt noch. Es sind Osterkerzen.

Für mich sind sie schon jetzt ein wichtiges Zeichen. In der Dunkelheit helfen sie mir ans Licht zu glauben. Daran, dass Gott alle Dunkelheit überwinden wird. Durch alle Passion hindurch und weit über diese hinaus. Bis in die Ewigkeit. Auch wenn ich es jetzt noch nicht fassen und verstehen kann.

Doch ich glaube daran: Das Leben, das Gott uns schenkt, ist stärker als der Tod. „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“ (Johannesevangelium 1,5)

Noch im Verborgenen erwarten wir die Auferstehung Jesu Christi.

In aller Dunkelheit und Finsternis schütze und begleite Sie und euch Gottes Licht und Segen!

  Pfarrerin Antje Lewitz-Danguillier,  29.03.2020

Halt in unsicheren Zeiten

Diese Worte aus Psalm 91 werden in vielen  Klöstern zu jeder Nacht gebetet:
 Gott wird dich mit seinen Fittichen decken,
 und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
 Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
 vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
 vor der Pest, die im Finstern schleicht,
 vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
 Denn der Herr ist deine Zuversicht,
 der Höchste ist deine Zuflucht

Für mich sind es tröstliche Worte  in dieser Zeit, wo das gewohnte Leben auf dem Kopf und fast still steht. Das war bislang unvorstellbar, dass von einem Tag zum anderen Kindergärten, Schulen, Universitäten, Lokale und viele Geschäfte schließen müssen. Dass Kirchengemeinden ihre Arbeit fast ganz einstellen und bislang selbstverständliche Freizeitaktivitäten verboten werden. Wer hätte gedacht, dass einmal gefordert wird „geht auf Abstand!“ statt „geht aufeinander zu“. Ja, auch wir haben eine Verderben bringende Seuche hautnah kennengelernt.

Und auch das Grauen der Nacht kennen wir. Viel Angst ist da. Berechtigte Angst bei denen, die um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten oder sich um die eigene Gesundheit oder das Wohlbefinden ihrer Lieben sorgen.  Unvernünftige Angst bei denen, die Panikkäufe tätigen oder „fake news“ verbreiten. Niemand kann sich der Angst ganz entziehen. Die derzeitige Situation ist noch zu neu. Wir wissen  nicht, was da noch auf uns zukommen wird. Wir wissen nicht, ob wir unser altes Leben zurückbekommen. Wann wir wieder unbeschwert einen Urlaub oder eine Familienfeier planen können.

Ich möchte mich in diesen ungewissen Zeiten, so wie der Psalmbeter, an der Zusage festhalten: Bei Gott gibt es Zuversicht und Zuflucht auch dann, wenn die Pest schleicht und die Pfeile fliegen. Das bedeutet nicht, dass wir dagegen gefeit sind, dass uns das Virus erreicht. Es bedeutet aber, dass Gott uns immer und überall im Blick hat. Auch wenn wir vieles nicht in der Hand haben, so sind wir doch stets in Gottes Hand. Gott trägt und schützt uns – damit wir „nicht erschrecken vor dem Grauen der Nacht“. Damit wir ruhiger und gelassener werden.

So zaubert Gott das Dunkle und Bedrohliche nicht weg – aber er lässt uns nicht darin umkommen. Das ist die große Verheißung unseres Glaubens. Wenn eigenes Leid uns das Herz schwer macht, wenn die Nachrichten dieser Welt uns den Atem rauben, wenn die Hoffnung auf eine gute Zukunft verdunkelt wird – Gott sieht es. Er weiß, wie es wirklich in uns aussieht, er steht auch an unsrer Seite. Was darum nicht bleiben muss, das ist das hilflose Erschrecken, die ohnmächtige Resignation und die lähmende Angst, die uns so oft die Kraft rauben, weiterzugehen.  

Wenn wir uns so an Gott festhalten, dann gelingt ja vielleicht auch uns das, was sich fast so schnell wie das Virus im Corona-geplagten Italien verbreitet hat – da fangen die Leute an zu singen. Nicht einmal der schnelle Espresso an der Bar geht mehr, aber sie singen von Balkon zu Balkon – miteinander und füreinander. Die Kirchenleitung hat angeregt, das auch bei uns zu tun – jeden Abend um 19.00 Uhr an Fenstern, auf Balkonen und in Gärten „der Mond ist aufgegangen“ zu singen und zu musizieren. Und in Dortmund zünden wir dann um 19.30 Uhr in ökumenischer Verbundenheit eine Kerze an und beten das „Corona Gebet“. *

Das wird das Virus nicht stoppen. Aber es hält ein Stück Gemeinschaft lebendig, gerade für die, die jetzt allein in ihrem Zuhause sind. Und es kann das Grauen für einen Moment in Schach halten. Wer singt und musiziert hat grad keine Zeit, sich zu fürchten. Wer ein Licht anzündet und betet, stellt sich in Gottes Licht und bettet sich in seine Hand.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei“ heißt es schon am Anfang der Bibel – nutzen wir unsere Möglichkeiten gegen Sorgen und Ängste, indem wir gerade jetzt, trotz der notwendigen körperlichen Distanz einander nahe bleiben – mit Gesprächen, Gebeten, Nachrichten über elektronische Medien. So können wir uns gegenseitig aufrichten, trösten und unterstützen. Die Corona Krise nimmt uns nicht nur vieles, sie kann auch neue Möglichkeiten eröffnen. Wir haben mehr Zeit als sonst. Das schafft Raum für neue Erfahrungen, Zeit für Besinnung, Zeit für Gebet, Zeit für das Nachdenken über das, was wirklich wichtig ist im Leben.

„Gott wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln“. Die Erinnerung an Gottes Liebe, die nach einem Ende einen neuen Anfang möglich macht, das sind die Fittiche unter denen wir uns bergen können. Das Vertrauen, dass Gott uns nie im Stich lässt, das ist unsere Zuflucht in allem, was uns widerfährt. Zu Gott können wir uns flüchten, wenn uns alles über den Kopf wächst, uns bei ihm fallenlassen und der Erschöpfung nachgeben. Im Gebet können wir ihm klagen, was uns ängstigt, alle Sorgen und Zweifel bei ihm abladen.
So ist Gott der Zufluchtsort, wo wir einmal nicht stark sein müssen und wieder zu Atem kommen können. Wo unser Blick sich weitet, damit wir nicht nur das Dunkle, sondern auch die oft ganz alltäglichen Zeichen der Güte Gottes in unserem Leben sehen. Denn: In jedem Wort, das uns in dunklen Zeiten für einen Moment Trost und neue Hoffnung gibt, da spricht auch Gott zu uns. In jedem Zuspruch,  der Hoffnung weckt. In jedem Lächeln, das uns Geborgenheit gibt, da umhüllt uns auch Gott mit seiner Fürsorge und Liebe.

Bleiben Sie behütet.

Amen

    Renate Jäckel,  22.03.2020

*Das Corona Gebet ist im Aufruf zum Ökumenischen Gebet abgedruckt